Metamorphosen 3, 415-479 – Narcissus an der Quelle
| Dúmque sitím sedáre cupít, sitis áltera crévit, |
| dúmque bibít, visaé conréptus imágine fórmae |
| spém sine córpor(e) amát: Corpús putat ésse, quod únda (e)st. |
| Ádstupet ípse sibí vultúqu(e) inmótus eódem |
| haéret ut é Parió formátum mármore sígnum. |
| Spéctat humí positús geminúm, sua lúmina, sídus |
| ét dignós Bacchó, dignós et Apólline crínes |
| ínpubésque genás et ebúrnea cólla decúsque |
| óris et ín niveó mixtúm candóre rubórem |
| cúnctaque míratúr, quibus ést mirábilis ípse. |
| Sé cupit ínprudéns et, quí probat, ípse probátur, |
| dúmque petít, petitúr paritérqu(e) accéndit et árdet. |
| Ínrita fállací quotiéns dedit óscula fónti! |
| Ín mediás quotiéns visúm captántia cóllum |
| brácchia mérsit aquás nec sé depréndit in íllis! |
| Quíd videát, nescít, sed, quód videt, úritur íllo; |
| átqu(e) oculós idém, qui décipit, íncitat érror. |
| Crédule, quíd frustrá simulácra fugácia cáptas? |
| Quód petis, ést nusquám; quod amás – avértere! – pérdes. |
| Ísta repércussaé, quam cérnis, imáginis úmbra (e)st: |
| Níl habet ísta suí: Tecúm venítque manétque, |
| técum díscedét – si tú discédere póssis. |
| Nón illúm Cererís, non íllum cúra quiétis |
| ábstraher(e) índe potést, sed opáca fúsus in hérba |
| spéctat inéxpletó mendácem lúmine fórmam |
| pérqu(e) oculós perit ípse suós paulúmque levátus, |
| ád circúmstantés tendéns sua brácchia sílvas |
| „Écquis, ió silvaé, crudélius” ínquit „amávit? |
| Scítis en(im) ét multís latebr(a) ópportúna fuístis. |
| Écquem, cúm vestraé tot agántur saécula vítae, |
| quí sic tábuerít, longó meminístis in aévo? |
| Ét placet ét videó, sed, quód videóque placétque, |
| nón tamen ínvenió: Tantús tenet érror amántem. |
| Quóque magís doleám, nec nós mare séparat íngens |
| néc via néc montés nec claúsis moénia pórtis: |
| Éxiguá prohibémur aquá! Cupit ípse tenéri! |
| Nám quotiéns liquidís porréximus óscula lýmphis, |
| híc totiéns ad mé resupíno nítitur óre. |
| Pósse putés tangí: Minimúm (e)st, quod amántibus óbstat. |
| Quísquis es, húc exí! Quid mé, puer únice, fállis |
| quóve petítus abís? Certé nec fórma nec aétas |
| ést mea, quám fugiás; et amárunt mé quoque nýmphae. |
| Spém mihi néscioquám vultú promíttis amíco, |
| cúmqu(e) ego pórrexí tibi brácchia, pórrigis últro; |
| cúm ris(i), ádridés; lacrimás quoque saépe notávi |
| mé lacrimánte tuás; nutú quoque sígna remíttis; |
| ét, quantúm motú formósi súspicor óris, |
| vérba reférs aurés non pérveniéntia nóstras. |
| Íst(e) ego súm! Sensí; nec mé mea fállit imágo: |
| Úror amóre meí, flammás moveóque feróque. |
| Quíd faciám? Roger ánne rogém? Quid deínde rogábo? |
| Quód cupió, mecúm (e)st: Inopém me cópia fécit. |
| Ó, utin(am) á nostró secédere córpore póssem! |
| Vót(um) in amánte novúm: Vellém, quod amámus, abésset! |
| Iámque dolór virés adimít, nec témpora vítae |
| lónga meaé superánt, primóqu(e) extínguor in aévo. |
| Néc mihi mórs gravis ést positúro mórte dolóres: |
| Híc, qui díligitúr, vellém, diutúrnior ésset! |
| Núnc duo cóncordés animá moriémur in úna.” |
| Díxit et ád speciém rediít male sánus eándem |
| ét lacrimís turbávit aquás, obscúraque móto |
| réddita fórma lacú (e)st. Quam cúm vidísset abíre, |
| „Quó refugís? Remané, nec mé, crudélis, amántem |
| désere!” clámavít; „Liceát, quod tángere nón est, |
| ádspicer(e) ét miseró praebér(e) aliménta furóri!” |
Und während er [=Narcissus] den Durst stillen will, wächst [wörtlich: wuchs] ein anderer Durst, und während er trinkt, liebt er, ergriffen vom Abbild der gesehenen Schönheit, eine Hoffnung ohne Körper: Er hält das für einen Körper, was (nur) eine Welle ist.
Er bestaunt sich selbst und stockt unbewegt mit derselben Miene wie eine von parischem [=von der Insel Paros] Marmor gebildete Statue. Am Boden liegend erblickt er ein Sternpaar, seine Augen, und die des Bacchus, sogar des Apoll würdigen Haare, die jugendlichen Wangen, den elfenbeinernen Hals [wörtlich: Hälse], die Anmut des Gesichts, die mit glänzendem Weiß gemischte Röte und bewundert alles, woran er selbst bewundernswert ist. Der Unwissende begehrt sich selbst und der Gefallen erregt, findet selbst Gefallen, während er anstrebt, wird er (selbst) angestrebt und zündet zugleich an und brennt (selbst) (vor Liebe).
Wie oft gab er dem trügerischen Wasser vergebliche Küsse! Wie oft tauchte er die Arme, die nach dem gesehenen Hals griffen, mitten ins Wasser [wörtlich: in die Wasser] und ergriff sich nicht in ihm! Er weiß nicht, was er sieht, aber von jenem, was er sieht, wird er verzehrt; und derselbe Wahn, der seine Augen täuscht, reizt sie. Leichtgläubiger, was greifst du vergeblich nach flüchtigen Trugbildern? Was du suchst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren – wende dich ab! Dieser, den du siehst, ist der Schatten eines gespiegelten Abbildes: Er hat nichts Eigenes: Mit dir ist er gekommen und bleibt, er wird mit dir weggehen – wenn du weggehen kannst.
Jenen kann weder die Sorge um Essen [wörtlich: Ceres, Göttin der Nahrung] noch um Schlaf von dort wegziehen, sondern er betrachtet, im schattigen Gras hingestreckt, mit unersättlichem Auge die trügerische Gestalt, geht selbst durch seine Augen zugrunde und sagt, nachdem er sich ein wenig erhoben hat, wobei er seine Arme zu den herumstehenden Wäldern ausstreckt: „Ach Wälder, hat (je) irgendjemand grausamer geliebt? Denn ihr wisst es und seid für Viele ein willkommenes Versteck gewesen. Erinnert ihr euch, weil euer Leben so viele Jahrhunderte währt, an irgendjemanden, der sich in dieser langen Zeit so verzehrt hat? Sowohl gefällt er mir als auch sehe ich ihn, aber ich finde dennoch nicht, was ich sehe und mir gefällt: Ein so großer Wahn hält den Liebenden fest! Und worüber ich mehr leide, uns trennt weder ein riesiges Meer noch ein Weg, Berge oder Mauern mit verschlossenen Toren: Wir werden von einem kleinen Gewässer ferngehalten!
Er begehrt selbst, gehalten zu werden! Denn sooft ich [wörtlich: wir] ihm durch das klare Wasser Küsse geben wollte [wörtlich: Küsse hinreichte], so oft strebt er mit zurückgebogenem Gesicht zu mir. Man könnte glauben, dass du berührt werden kannst: Sehr gering ist, was den Liebenden entgegensteht. Wer auch immer du bist, komm hierher heraus! Was täuscht du mich, einzigartiger Knabe oder wohin gehst du weg, Ersehnter? Sicherlich ist es weder mein Aussehen noch mein Alter, vor dem du fliehst; (und) mich haben sogar Nymphen geliebt. Du versprichst mir mit freundlichem Gesicht irgendeine Hoffnung, wenn ich dir die Arme hingestreckt habe, streckst du sie freiwillig [oder: hinüber] aus; wenn ich gelacht habe, lachst du mit; auch habe ich, wenn ich geweint habe, oft deine Tränen bemerkt; auch gibst du durch Nicken (meine) Zeichen zurück; und, soweit ich aus der Bewegung deines schönen Mundes schließe, erwiderst du Worte, die nicht zu meinen [wörtlich: unseren] Ohren gelangen.
Ich bin dieser! Ich habe es bemerkt; und mein Abbild täuscht mich nicht (mehr): Ich verbrenne durch die Liebe zu mir, zugleich errege und erleide ich die Flammen (der Liebe). Was soll ich tun? Soll ich mich bitten lassen oder (selbst) bitten? Was soll ich dann erbitten? Was ich begehre, ist bei mir: Die Fülle hat mich arm gemacht. O, wenn ich mich doch von meinem [wörtlich: unserem] Körper trennen könnte! Ein neuartiger Wunsch bei einem Liebenden: Ich möchte, dass das, was ich [wörtlich: wir] liebe, fort wäre. Schon nimmt mir der Schmerz die Kräfte, meinem Leben steht keine lange Zeit [wörtlich: Zeiten] mehr zur Verfügung, und ich werde in der Jugend ausgelöscht. Der Tod ist mir aber nicht schwer, weil ich [wörtlich: mir, der ich] mit dem Tod die Schmerzen ablegen werde: Ich möchte (aber), dass dieser, den ich liebe, langlebiger sei! Nun werden wir zwei einträchtig mit einer Seele [oder: einem Atemzug] sterben.”
Er sagte es und kehrte von Sinnen zu derselben Gestalt zurück, trübte das [wörtlich: die] Wasser mit Tränen und durch den bewegten See wurde die Figur undeutlich (gemacht). Als er gesehen hatte, dass diese verschwand, rief er: „Wohin entfliehst du? Bleibe, Grausamer, und verlass mich Liebenden nicht! Es soll erlaubt sein, was man nicht berühren darf, (wenigstens) zu betrachten und dem armen Wahnsinn Nahrung zu liefern!”
