Latinarium

Metamorphosen 3, 356-401 – Echo
Áspicit húnc trepidós agitánt(em) in rétia cérvos
vócalís nymphé, quae néc reticére loquénti
néc prior ípsa loquí didicít, resonábilis Écho.
Córpus adhúc Echó, non vóx erat; ét tamen úsum
gárrula nón aliúm, quem núnc habet, óris habébat,
réddere dé multís ut vérba novíssima pósset.
Fécerat hóc Iunó, quia, cúm depréndere pósset
cúm Iove saépe suó nymphás in mónte iacéntes,
ílla deám longó prudéns sermóne tenébat,
dúm fugerént nymphaé. Postqu(am) hóc Satúrnia sénsit,
„huíus”, aít, „linquaé, qua súm delúsa, potéstas
párva tibí dabitúr vocísque brevíssimus úsus!”
réque minás firmát; tamen haéc in fíne loquéndi
íngeminát vocés audítaque vérba repórtat.
Érg(o) ubi Nárcissúm per dévia rúra vagántem
vídit et íncaluít, sequitúr vestígia fúrtim,
quóque magís sequitúr, flammá propióre caléscit,
nón alitér quam cúm summís circúmlita taédis
ádmotás rapiúnt vivácia súlphura flámmas.
Ó quotiéns voluít blandís accédere díctis
ét mollés adhibére precés! Natúra repúgnat
néc sinit íncipiát; sed, quód sinit, ílla paráta (e)st
éxspectáre sonós, ad quós sua vérba remíttat.
Fórte puér comitúm sedúctus ab ágmine fído
díxerat „Écquis adést?” – et „Adést!” repónderat Écho.
Híc stupet, útqu(e) aciém partés dimíttit in ómnes,
vóce „Vení!” magná clamát – vocat ílla vocántem.
Réspicit ét rursús nulló veniénte „Quid”, ínquit,
„mé fugis?” – ét totidém, quot díxit, vérba recépit.
Pérstat et álternaé decéptus imágine vócis
„Húc coёámus!” aít – nullíque libéntius úmquam
résponsúra sonó „Coёámus!” réttulit Écho
ét verbís favet ípsa suís egréssaque sílva
íbat, ut ínicerét speráto brácchia cóllo.
Ílle fugít fugiénsque „Manús compléxibus aúfer!
Ánt(e)”, ait, „émoriár, quam sít tibi cópia nóstri!”
Réttulit ílla nihíl nisi „Sít tibi cópia nóstri!”
Spréta latét silvís pudibúndaque fróndibus óra
prótegit ét solís ex íllo vívit in ántris.
Séd tamen haéret amór crescítque dolóre repúlsae
ét tenuánt vigilés corpús miserábile cúrae,
ádducítque cutém maciés, et in áёra súcus
córporis ómnis abít; vox tánt(um) atqu(e) óssa supérsunt.
Vóx manet, óssa ferúnt lapidís traxísse figúram.
Índe latét silvís nullóqu(e) in mónte vidétur,
ómnibus aúditúr: Sonus ést, qui vívit in ílla.

Die geschwätzige Nymphe, die widerhallende Echo, die weder gelernt hatte, gegenüber einem Sprechenden zu schweigen noch, selbst zuerst zu reden, erblickte ihn [=Narcissus], wie er ängstliche Hirsche in die Jagdnetze trieb. Echo war noch ein Körper, nicht (nur) eine Stimme; und dennoch hatte die Geschwätzige keinen anderen Gebrauch für den Mund als welchen sie jetzt hat, dass sie von vielen (Worten) (nur) die letzten Worte wiederholen konnte.

Juno hatte dies bewirkt, weil jene Schlaue, als sie [=Juno] die Nymphen ertappen konnte, wie sie oft auf ihrem Berg bei Jupiter lagen, die Göttin mit langem Gespräch hinzuhalten versuchte, bis die Nymphen flohen. Nachdem Juno [wörtlich: Saturnia; die Tochter Saturns] das gemerkt hatte, sagte sie: „Dir wird nur geringe Macht über diese Zunge, durch welche ich getäuscht wurde, gegeben werden und der kürzeste Gebrauch der Stimme!” und bekräftigt die Drohungen durch die Tat; dennoch verdoppelt diese am Ende des Sprechens die Laute und wiederholt die gehörten Worte.

Als sie also Narcissus, der durch entlegene Felder streifte, sah und (in Liebe) entbrannte, folgt sie heimlich seinen Spuren und je mehr sie ihnen folgt, erglüht sie durch die nähere Flamme, nicht anders, als wenn ringsum über die Spitzen der Fackeln gestrichener leicht entzündlicher [wörtlich: lebhafter] Schwefel nahe hingehaltene Flammen ergreift [wörtlich: ergreifen]. O wie oft wollte sie sich mit schmeichelnden Worten nähern und sanfte Bitten anwenden! Die Natur widersetzt sich und lässt nicht zu, dass sie beginne; aber was sie [=die Natur] zulässt, dazu ist jene bereit: die Laute zu erwarten, zu welchen sie ihre Worte zurückgibt.

Gerade hatte der Knabe, der sich von der treuen Schar seiner Gefährten entfernt hatte, gesagt: „Ist jemand da?” – und Echo hatte geantwortet „Ist da!”. Dieser stutzt, und wie er nach allen Seiten blickt [wörtlich: seine Augen in alle Richtungen herumschickt], ruft er mit lauter Stimme: „Komm!” – jene ruft den Rufenden. Er blickt zurück und sagt wieder, als niemand kommt, „Was fliehst du vor mir?” – und bekam ebensoviele Worte zurück, wie er sagte. Er bleibt stehen und sagt, getäuscht vom Widerhall der antwortenden Stimme: „Kommen wir hier zusammen!” – und Echo, die keinem Laut jemals lieber antworten wollte, gab zurück: „Kommen wir zusammen!”, hat selbst Freude an ihren Worten und wollte nach Verlassen des Waldes losgehen, um die Hände um den erhofften Hals zu legen. Jener floh und sagte auf der Flucht: „Weg mit der Umarmung [wörtlich: Nimm die Hände von den Umarmungen weg]! Eher will ich sterben, als dass du Macht über mich [wörtlich: uns] hast!” Jene gab nur zurück: „Dass du Macht über mich hast!”

Die Verschmähte verbirgt sich in den Wäldern, verdeckt schamhaft das Gesicht mit Laub und lebt seitdem in einsamen Höhlen. Aber dennoch haftet die Liebe und wächst aus Schmerz über die Zurückweisung, nie ruhende Sorgen schwächen den beklagenswerten Körper, Magerkeit zieht die Haut zusammen, und jeder Saft des Körpers verschwindet in die Lüfte; nur ihre Stimme und Knochen bleiben übrig. Die Stimme bleibt, die Knochen sollen sich in Steine verwandelt haben. Seitdem ist sie in Wäldern verborgen und man sieht sie auf keinem Berg, (aber) auf allen (Bergen) hört man sie: Es ist der Klang, der in ihr lebt.