Latinarium

Metamorphosen 2, 836-875 – Europa
Sévocat húnc genitór nec caúsam fássus amóris
„fíde miníster“ aít „iussórum, náte, meórum,
pélle morám solitóque celér delábere cúrsu,
quaéque tuám matrém tellús a párte sinístra
súspicit (índigenaé Sidónida nómine dícunt),
hánc pete, quódque procúl montáno grámine pásci
ármentúm regále vidés, ad lítora vérte!“
Díxit, et éxpulsí iamdúdum mónte iuvénci
lítora iússa petúnt, ubi mágni fília régis
lúdere vírginibús Tyriís comitáta solébat.
Nón bene cónveniúnt nec in úna séde morántur
máiestás et amór. Sceptrí gravitáte relícta
ílle patér rectórque deúm, cui déxtra trisúlcis
ígnibus ármatá (e)st, qui nútu cóncutit órbem,
índuitúr faciém taurí mixtúsque iuvéncis
múgit et ín tenerís formósus obámbulat hérbis.
Quíppe colór nivis ést, quam néc vestígia dúri
cálcavére pedís nec sólvit aquáticus aúster.
Cólla torís exstánt, armís paleária péndent,
córnua párva quidém, sed quaé conténdere póssis
fácta manú, puráque magís perlúcida gémma.
Núll(ae) in frónte minaé, nec fórmidábile lúmen:
Pácem vúltus habét. Mirátur Agénore náta,
quód tam fórmosús, quod proélia núlla minétur;
séd quamvís mitém metuít contíngere prímo;
móx adit ét florés ad cándida pórrigit óra.
Gaúdet amáns et, dúm veniát speráta volúptas,
óscula dát manibús; vix iám, vix cétera díffert;
ét nunc ádludít viridíqu(e) exsúltat in hérba,
núnc latus ín fulvís niveúm depónit harénis;
paúlatímque metú demptó modo péctora praébet
vírgineá palpánda manú, modo córnua sértis
ínpeniénda novís. Ausá (e)st quoque régia vírgo
néscia, quém premerét, tergó consídere taúri,
cúm deus á terrá siccóqu(e) a lítore sénsim
fálsa pedúm primís vestígia pónit in úndis.
Índ(e) abit últeriús mediíque per aéquora pónti
fért praedám: Pavet haéc litúsqu(e) abláta relíctum
réspicit ét dextrá cornúm tenet, áltera dórso
ínpositá (e)st; tremulaé sinuántur flámine véstes.

Der Vater ruft ihn beiseite und sagt, ohne den Grund, nämlich die Liebe, zu gestehen, „Sohn, treuer Vollstrecker meiner Befehle, zögere nicht [wörtlich: vertreibe das Zögern] und gleite schnell in gewohnter Bahn hinab und suche das Land auf, welches (den Stern) deine(r) Mutter zur Linken erblickt (die Einwohner nennen es das Sidonische), und treibe die königliche (Rinder-)Herde, welche du in der Ferne auf einer Bergwiese weiden siehst, zur Küste [wörtlich: zu den Küsten]!“ Er sagte es, und schon streben die vom Berg vertriebenen Jungstiere wie befohlen die Küste [wörtlich: die befohlene Küste] an, wo die Tochter des großen Königs, von tyrischen Mädchen begleitet, zu spielen pflegte.

Majestät und Liebe passen nicht gut zusammen und halten sich nicht an einem Ort auf. Nachdem jener Vater und Lenker der Götter, dessen Rechte mit dreizackigen Blitzen bewaffnet ist, der durch ein Nicken den Erdkreis erschüttert, die Würde der Herrschaft [wörtlich: des Szepters] zurückgelassen hat, nimmt [wörtlich: zieht] er die Gestalt eines Stieres an, muht, nachdem er sich unter die Jungstiere gemischt hat, und spaziert schön im zarten Gras [wörtlich: in den zarten Gräsern] umher.

Denn er hat die Farbe von Schnee, welchen weder die Schritte eines harten Fußes getreten haben noch der feuchte Südwind aufgelöst hat. Der Hals strotzt vor Muskeln [wörtlich: Die Hälse treten vor Muskeln hervor], die Wamme hängt [wörtlich: hängen] von den Schultern, die Hörner (sind) zwar klein, aber von der Art, dass man behaupten könnte, (sie seien) von Hand gemacht, und durchsichtiger als ein reiner Edelstein. Keine Drohungen (sind) an der Stirn und der Blick [wörtlich: das Auge] (ist) nicht furchteinflößend: Die Miene ist friedlich [wörtlich: hat Frieden].

Die Tochter Agenors wundert sich, dass er so schön ist, dass er keine Kämpfe androht; aber obwohl sie zuerst fürchtet, den Sanften zu berühren, geht sie bald hin und streckt Blumen zum weißen Maul [wörtlich: zu den weißen Mäulern] aus. Der Liebende freut sich und gibt den Händen, wenn nur die erhoffte Lust kommt, Küsse; schon schiebt er (nur) mit Mühe das Übrige auf; und nun nähert er sich spielerisch und springt auf dem frischen Gras in die Höhe, jetzt legt er seine schneeweiße Flanke in den gelben Sand; und nachdem ihr allmählich die Angst genommen ist, bietet er bald seine Brust [wörtlich: Brüste] zum Streicheln durch die jungfräuliche Hand, bald seine Hörner zum Umwinden mit neuen Blütenkränzen an.

Das königliche Mädchen wagte auch, ahnungslos, auf wem sie sitze, sich auf den Rücken des Stieres zu setzen, als der Gott allmählich die trügerischen Schritte (seiner Füße) vom Land und der trockenen Küste in die ersten Wellen setzt. Von dort geht er weiter hinaus und trägt die Beute mitten über die Weite des Meeres: Die Weggetragene fürchtet sich, blickt nach hinten auf die zurückgelassene Küste und hält mit der Rechten das Horn, die andere ist auf den Rücken gelegt; die zitternden Gewänder bauschen sich im Wind.