Latinarium

In Catilinam Oratio Prima, c. 16,2-18 – Catilinas Isolation und die erste „Patria-Rede“

Nunc vero quae tua est ista vita? Sic enim iam tecum loquar, non ut odio permotus esse videar, quo debeo, sed ut misericordia, quae tibi nulla debetur.

Venisti paulo ante in senatum: Quis te ex hac tanta frequentia, tot ex tuis amicis ac necessariis salutavit? Si hoc post hominum memoriam contigit nemini, vocis exspectas contumeliam, cum sis gravissimo iudicio taciturnitatis oppressus? Quid, quod adventu tuo ista subsellia vacuefacta sunt, quod omnes consulares, qui tibi persaepe ad caedem constituti fuerunt, simulatque adsedisti, partem istam subselliorum nudam atque inanem relinquerunt, quo tandem animo hoc tibi ferendum putas?

Servi mehercule mei si me isto pacto metuerent, ut te metuunt omnes cives tui, domum meam relinquendam putarem; tu tibi urbem non arbitraris? Et si me meis civibus iniuria suspectum tam graviter atque offensum viderem, carere me adspectu civium quam infestis omnium oculis conspici mallem; tu, cum conscientia scelerum tuorum agnoscas odium omnium iustum et iam diu tibi debitum, dubitas, quorum mentes sensusque vulneras, eorum adspectum praesentiamque vitare?

Si te parentes timerent atque odissent tui neque eos ulla ratione placare posses, ut opinor, ab eorum oculis aliquo concederes; nunc te patria, quae communis est parens omnium nostrum, odit ac metuit et iam diu nihil te iudicat nisi de parricidio suo cogitare; huius tu neque auctoritatem verebere nec iudicium sequeris nec vim pertimesces?

Quae tecum, Catilina, sic agit et quodam modo tacita loquitur: „Nullum iam aliquot annis facinus exstitit nisi per te, nullum flagitium sine te; tibi uni multorum civium neces, tibi vexatio direptioque sociorum impunita fuit ac libera; tu non solum ad neglegendas leges et quaestiones, verum etiam ad evertendas perfringendasque valuisti.

Superiora illa, quamquam ferenda non fuerunt, tamen, ut potui, tuli. Nunc vero me totam esse in metu propter unum te, quidquid increpuerit, Catilinam timeri, nullum videri contra me consilium iniri posse, quod a tuo scelere abhorreat, non est ferendum. Quam ob rem discede atque hunc mihi timorem eripe! Si est verus, ne opprimar, sin falsus, ut tandem aliquando timere desinam.”

Nun aber was führst du da für ein Leben? Denn ich will schon so mit dir sprechen, dass ich nicht von Hass, den ich haben muss, sondern von Mitleid, welches dir nicht geschuldet wird, bewegt erscheine.

Du bist kurz vorher in den Senat gekommen: Wer von dieser so großen Anzahl, von deinen so vielen Freunden und Verwandten hat dich  gegrüßt? Erwartest du, wenn dies seit Menschengedenken niemandem zuteilwurde, eine Beschimpfung durch Worte [wörtlich: ein Wort], wenn du (schon) durch das sehr schwere Urteil des Schweigens verurteilt bist? Was soll man dazu sagen, dass durch deine Ankunft diese Sitzbänke geleert wurden, dass alle Konsularen [=ehemaligen Konsuln], die von dir sehr oft zum Mord bestimmt wurden, diesen Teil der Sitzbänke, sobald du dich hingesetzt hast, leer und bloß zurückgelassen haben, wie glaubst du denn, dies ertragen zu müssen?

Bei Herkules, wenn mich meine Sklaven so sehr fürchteten, wie dich alle deine Mitbürger fürchten, würde ich glauben, mein Haus verlassen zu müssen; du glaubst, die Stadt nicht verlassen zu müssen? Und wenn ich sähe, dass ich von meinen Mitbürgern zu Unrecht so schwer verdächtigt und verhasst wäre, wollte ich lieber den Anblick der Bürger meiden als von den feindseligen Augen Aller angeblickt zu werden; du zweifelst, obwohl du im Bewusstsein deiner Verbrechen den gerechten und dir schon lange gebührenden Hass Aller spürst, den Anblick und die Gegenwart derer, deren Geist und Sinne du verletzt, zu vermeiden?

Wenn dich deine Eltern fürchteten und hassten und du sie auf keine Weise besänftigen könntest, würdest du, wie ich glaube, von deren Augen irgendwohin weggehen; jetzt hasst und fürchtet dich die Heimat, die unser aller gemeinsame Mutter ist, und glaubt schon lange, dass du nur über den Mord an ihr nachdenkst; und du wirst weder ihre Autorität scheuen noch ihr Urteil befolgen oder ihre Kraft fürchten?

Diese handelt so bei dir, Catilina, und spricht auf gewisse Weise schweigend: „Schon einige Jahre lang entstand keine Untat außer durch dich, keine Schandtat ohne dich; für dich allein war die Ermordung vieler Bürger, die Misshandlung und Plünderung der Bundesgenossen ungestraft und ungehindert; du warst nicht nur imstande, Gesetze und gerichtliche Untersuchungen zu missachten, sondern sie sogar zu untergraben und zu vereiteln.

Jene früheren Dinge ertrug ich, obwohl sie unerträglich waren, dennoch, so gut ich konnte. Jetzt aber ist es nicht erträglich, dass ich wegen dir allein ganz in Furcht bin, dass man bei dem leisesten Geräusch Catilina fürchtet, dass man anscheinend keinen Plan gegen mich fassen kann, der mit deinem Verbrechen nichts zu tun hat. Gehe deswegen weg und entreiße mir diese Furcht! Wenn sie wahr ist, damit ich nicht unterdrückt werde, wenn sie aber falsch ist, damit ich endlich einmal aufhöre, Angst zu haben.”