Latinarium

Aeneis 4, 607-629 und 651-671 – Didos Fluch, Vermächtnis und Tod
„Sól, qui térrarúm flammís oper(a) ómnia lústras,
túqu(e), har(um) ínterprés curár(um) et cónscia Iúno,
nócturnísqu(e) Hecaté triviís ululáta per úrbes
ét Dir(ae) últricés et dí moriéntis Elíssae,
áccipit(e) haéc meritúmque malís advértite númen
ét nostrás audíte precés! Si tángere pórtus
ínfandúm caput ác terrís adnáre necésse (e)st
ét sic fáta Iovís poscúnt, hic términus haéret,
át bell(o) aúdacís populí vexátus et ármis,
fínibus éxtorrís, compléx(u) avúlsus Iúli
aúxili(um) ímplorét videátqu(e) indígna suórum
fúnera! Néc, cum sé sub léges pácis iníquae
trádiderít, regn(o) aút optáta lúce fruátur,
séd cadat ánte diém mediáqu(e) inhumátus haréna!
Haéc precor, hánc voc(em) éxtremám cum sánguine fúndo.
Túm vos, ó Tyrií, stirp(em) ét genus ómne futúrum
éxercét(e) odiís cineríqu(e) haec míttite nóstro
múnera. Núllus amór populís nec foédera súnto!
Éxoriár(e) aliquís nostrís ex óssibus últor,
quí face Dárdaniós ferróque sequáre colónos,
núnc, olím, quocúmque dabúnt se témpore víres!
Lítora lítoribús contrária, flúctibus úndas
ímprecor, árm(a) armís: Pugnént ipsíque nepótesqu(e)!“
„Dúlces éxuviaé, dum fáta deúsque sinébat,
áccipit(e) hánc animám mequ(e) hís exsólvite cúris!
Víx(i) et, quém dederát cursúm Fortúna, perégi,
ét nunc mágna meí sub térras íbit imágo.
Úrbem praéclarám statuí, mea moénia vídi,
últa virúm poenás inimíc(o) a frátre recépi,
félix, heú nimiúm felíx, si lítora tántum
númquam Dárdaniaé tetigíssent nóstra carínae.“
Díxit et ós impréssa toró: „Moriémur inúltae,
séd moriámur“, aít. „Sic, síc iuvat íre sub úmbras.
Haúriat húnc oculís igném crudélis ab álto
Dárdanus ét nostraé secúm ferat ómina mórtis!“
Díxerat, átqu(e) illám medi(a) ínter tália férro
cónlaps(am) ádspiciúnt comités ensémque cruóre
spúmantém sparsásque manús. It clámor ad álta
átria: Cóncussám bacchátur Fáma per úrbem.
Lámentís gemitúqu(e) et fémineó ululátu
Técta fremúnt, resonát magnís plangóribus aéther,
nón alitér, quam s(i) ímmissís ruat hóstibus ómnis
Kárthag(o) aút antíqua Tyrós flammaéque furéntes
cúlmina pérqu(e) hominúm volvántur pérque deórum.

Sol [=Sonnengott], der du mit Flammen alle Werke der Welt betrachtest, und du, Juno, Vermittlerin und Mitwisserin dieser Sorgen, und Hekate, die du überall in den Städten auf nächtlichen Weggabelungen mit Geheul angerufen wirst, und rächende Diren [=Furien] und Götter der sterbenden Elissa [=Dido], vernehmt dies und rächt mein Unglück [wörtlich: wendet meinem Unglück eure gerechte Macht zu] und hört meine Bitten! Wenn es nötig ist, dass dieser abscheuliche Mensch den Hafen (Italiens) berührt und das Land erreicht [wörtlich: ans Land schwimmt] und die Göttersprüche Jupiters es so fordern, wenn dieses Ziel feststeht, soll er doch wenigstens, durch den Krieg und Kämpfe mit einem kühnen Volk gequält, aus dem Land verbannt, aus der Umarmung des Iulus entrissen, Hilfe erbitten und den unwürdigen Tod der Seinen sehen! Und wenn er sich unter die Bedingungen eines ungerechten Friedens ergibt, soll er weder die Herrschaft noch das erwünschte Leben [wörtlich: Licht] genießen, sondern er soll frühzeitig fallen und unbestattet mitten im Sand liegen! Das erbitte ich, diese Rede bringe ich als letzte mit (meinem) Blut hervor.

Dann verfolgt, o Tyrier, seine Nachkommenschaft und das ganze künftige Geschlecht mit Hass und schickt dies meiner Asche als Totengaben. Keine Liebe und keine Bündnisse sollen zwischen den Völkern sein! Erhebe dich aus meinen Knochen als Rächer, wer immer du sein wirst, der du die dardanischen Siedler mit Feuer und Schwert verfolgt jetzt und in Zukunft, zu welcher Zeit auch immer sich die Kräfte zeigen werden! Ich wünsche, dass die Küsten mit den Küsten, die Wellen mit den Fluten und die Waffen mit den Waffen verfeindet seien: Sie selbst und ihre Nachkommen sollen kämpfen!“

„Gewänder, (mir) lieb, solange das Schicksal und der Gott es zuließen, nehmt diese Seele auf und erlöst mich von diesen Sorgen! Ich habe gelebt und die Bahn, die mir Fortuna gegeben hatte, vollendet, und nun wird das große Schattenbild von mir unter die Erde gehen. Ich habe eine sehr berühmte Stadt gegründet, meine Mauern gesehen, meinen feindlichen Bruder bestraft, indem ich meinen Mann gerächt habe, glücklich, ach allzu glücklich, wenn nur die dardanischen Schiffe [wörtlich: Schiffskiele] niemals unseren Strand berührt hätten.“ Sie sprach’s und sagte, das Gesicht ins Kissen gedrückt: „Ich [wörtlich: Wir] werde ungerächt sterben, aber ich will sterben! So, so macht es Freude, hinab zu den Schatten zu gehen. Der grausame Dardaner soll von der hohen See dieses Feuer sehen[wörtlich: mit den Augen aufnehmen] und die Unheilszeichen meines Todes mit sich tragen!“

Sie hatte gesprochen, und die Dienerinnen sehen jene mitten unter solchen Worten durch das Schwert [wörtlich: Eisen] niedergesunken und (sie sehen) das von Blut schäumende Schwert und die (von Blut) bespritzten Hände. Geschrei dringt zu den hohen Hallen: Fama rast durch die erschütterte Stadt. Die Häuser [wörtlich: Dächer] tosen vor Wehklagen, Stöhnen und weiblichem (Klage-) Geschrei, der Himmel tönt vor lauten Klagen [eigentlich: Schlagen (als Zeichen der Trauer)] wider, nicht anders, als würde ganz Karthago oder das alte Tyros nach Eindringen von Feinden einstürzen und tobende Flammen sich über die Häuser [wörtlich: Dächer] sowohl der Menschen als auch der Götter [=die Tempel] wälzen.