Aeneis 2, 559-623 – Venus erscheint Aeneas
| Át me túm primúm saevús circúmstetit hórror. |
| Óbstipuí; subiít carí genitóris imágo, |
| út reg(em) aéquaevúm crudéli vúlnere vídi |
| vít(am) exhálantém, subiít desérta Creúsa |
| ét dirépta domús et párvi cásus Iúli. |
| Réspici(o) ét quae sít me círcum cópia lústro. |
| Déseruér(e) omnés deféss(i), et córpora sáltu |
| ád terrám misér(e) aut ígnibus aégra dedére. |
| Iámqu(e) adeó super únus erám, cum límina Véstae |
| sérvant(em) ét tacitám secrét(a) in séde laténtem |
| Týndarid(a) áspició; dant clár(am) incéndia lúcem |
| érrantí passímqu(e) oculós per cúncta ferénti. |
| Ílla sib(i) ínfestós evérs(a) ob Pérgama Teúcros |
| ét Danaúm poen(am) ét desérti cóniugis íras |
| praémetuéns, Troi(ae) ét patriaé commúnis Erínys, |
| ábdiderát ses(e) átqu(e) arís invísa sedébat. |
| Éxarsér(e) ignés animó; subit íra cadéntem |
| úlciscí patri(am) ét scelerátas súmere poénas. |
| „Scílicet haéc Spart(am) íncolumís patriásque Mycénas |
| áspiciét, partóqu(e) ibít regína triúmpho? |
| Cóniugiúmque domúmque patrís natósque vidébit |
| Íliadúm turb(a) ét Phrygiís comitáta minístris? |
| Ócciderít ferró Priamús? Troi(a) árserit ígni? |
| Dárdaniúm totiéns sudárit sánguine lítus? |
| Nón ita. Námqu(e) etsí nullúm memorábile nómen |
| fémine(a) ín poená (e)st, habet haéc victória laúdem; |
| éxstinxísse nefás tamen ét sumpsísse meréntes |
| laúdabór poenás, animúmqu(e) explésse iuvábit |
| últricís flamm(ae) ét cinerés satiásse meórum.” |
| Tália iáctab(am) ét furiáta ménte ferébar, |
| cúm mihi sé, non ánt(e) oculís tam clára, vidéndam |
| óbtulit ét purá per nóct(em) in lúce refúlsit |
| álma paréns, conféssa deám qualísque vidéri |
| caélicolís et quánta solét, dextráque prehénsum |
| cóntinuít roseóqu(e) haec ínsuper áddidit óre: |
| „Náte, quis índomitás tantús dolor éxcitat íras? |
| Quíd furis? Aút quonám nostrí tibi cúra recéssit? |
| Nón prius áspiciés ubi féss(um) aetáte paréntem |
| líqueris Ánchisén, superét coniúnxne Creúsa |
| Áscaniúsque puér? Quos ómnes úndique Gráiae |
| círc(um) erránt aciés et, ní mea cúra resístat, |
| iám flammaé tulerínt inimícus et haúserit énsis. |
| Nón tibi Týndaridís faciés invísa Lacaénae |
| cúlpatúsve París, div(um) íncleméntia, dívum |
| hás evértit opés sternítqu(e) a cúlmineTróiam. |
| Áspice – námqu(e) omném, quae núnc obdúcta tuénti |
| mórtalés hebetát visús tib(i) et úmida círcum |
| cáligát, nub(em) éripiám; tu né qua paréntis |
| iússa timé neu praéceptís parére recúsa – |
| híc, ubi dísiectás molés avúlsaque sáxis |
| sáxa vidés, mixtóqu(e) undántem púlvere fúmum, |
| Néptunús murós magnóqu(e) emóta tridénti |
| fúndaménta quatít totámqu(e) a sédibus úrbem |
| éruit. Híc Iunó Scaeás saevíssima pórtas |
| príma tenét sociúmque furéns a návibus ágmen |
| férr(o) accíncta vocát. |
| Iám summás arcés Tritónia, réspice, Pállas |
| ínsedít nimb(o) éffulgéns et Górgone sáeva. |
| Ípse patér Danaís animós virésque secúndas |
| súfficit, ípse deós in Dárdana súscitat árma. |
| Éripe, náte, fugám finémqu(e) impóne labóri; |
| núsqu(am) aber(o) ét tutúm patrió te límine sístam.” |
| Díxerat ét spissís noctís se cóndidit úmbris. |
| Ápparént diraé faciés inimícaque Tróiae |
| númina mágna deúm. |
Aber mich umgab dann erstmals wilder Schrecken. Ich erstarrte; mir kam das Bild des lieben Vaters in den Sinn, als ich den gleichaltrigen König von der grausamen Wunde sein Leben aushauchen sah, mir kam die verlassene Kreusa in den Sinn, das geplünderte Haus und das Schicksal des kleinen Iulus. Ich blicke zurück und spähe umher, welche Schar (noch) um mich ist. Alle verließen mich erschöpft, und stürzten ihre müden Körper in einem Sprung zur Erde oder übergaben sie dem Feuer.
Und schon war ich als Einziger noch übrig, als ich die Tyndareostochter [=Helena] erblicke, die die Schwelle der Vesta bewacht und still auf einem abgesonderten Sitz verborgen ist; die Brände geben mir, der ich umherirre und die Augen weithin über alles schweifen lasse, klares Licht. Jene, die gemeinsame Furie Trojas und ihrer Heimat, hatte sich versteckt, weil sie die ihr gegenüber wegen des Falls Trojas feindseligen Trojaner und Strafen vonseiten der Griechen und den Zorn des verlassenen Gatten fürchtete, und saß verhasst auf dem Altar.
Zorn entbrannte in meinem Geist; mir kommt in den Sinn, die fallende Heimat zu rächen und grausame Rache zu nehmen. „Wird diese also wohlbehalten Sparta und das heimatliche Mykene sehen und als Königin in erworbenem Triumph einhergehen? Wird sie ihren Gatten, das Haus ihres Vaters und ihre Söhne sehen, begleitet von einer Schar an Trojanerinnen und phrygischen Dienerinnen? Mag Priamus auch vom Schwert getötet sein? Troja in Feuer verbrannt sein? Die Küste so oft von trojanischem Blut getrieft haben? Nicht so. Denn auch wenn in der Bestrafung einer Frau kein denkwürdiger Ruhm liegt, hat dieser Sieg Lob; ich werde dennoch gelobt werden, ein Scheusal ausgelöscht und verdiente Rache genommen zu haben, und es wird erfreuen, den Geist der rächenden Flamme gestillt und die Asche der Meinen befriedigt zu haben.”
Solches stieß ich aus und eilte mit rasendem Geist, als sich mir meine erhabene Mutter zeigte, die früher nicht so deutlich zu sehen war, und in reinem Licht durch die Nacht erstrahlte, sie gab sich als Göttin zu erkennen und wie beschaffen und wie groß sie den Himmelsbewohnern zu erscheinen pflegt, und mit der Rechten gefasst hielt sie mich zurück und fügte darüber hinaus mit rosigem Mund dies hinzu: „Mein Sohn, welcher so große Schmerz erregt deinen ungezügelten Zorn? Was rast du? Oder wohin ist deine Sorge um mich entschwunden? Willst du nicht vorher sehen, wo du deinen vom Alter ermatteten Vater Anchises zurückgelassen hast, ob deine Gattin Creusa noch am Leben ist und der Knabe Askanius? Von allen Seiten umstreifen sie alle die Scharen der Griechen, und wenn meine Fürsorge nicht widerstünde, hätten sie schon Flammen hinweggerafft und das feindliche Schwert vernichtet. Nicht die verhasste Schönheit der spartanischen Tyndareostochter [=Helena] oder der beschuldigte Paris, (sondern) die Härte der Götter, der Götter, vernichtet dir diese Herrschaft und stürzt Troja vom Gipfel.
Sieh – denn ich will dir die ganze Wolke, die jetzt vor dem Schauenden gezogen den sterblichen Blick trübt und feucht ringsum Dunkelheit verbreitet, entreißen; du fürchte keine Befehle deiner Mutter noch weigere dich, ihren Vorschriften zu gehorchen – hier, wo du zerstreute Massen und von Felsen losgerissene Felsen und strömenden Rauch mit Staub vermischt siehst, zerschmettert Neptun die Mauern und die erschütterten Fundamente mit dem großen Dreizack und zerstört die ganze Stadt von Grund auf. Hier hält die sehr wilde Juno als Erste das skäische Tor besetzt und ruft, mit dem Schwert umgürtet, rasend die verbündete Schar von den Schiffen herbei. Schon hat, blicke zurück, die tritonische Pallas die Spitze der Burg besetzt, aus der Wolke hervorleuchtend und mit der schrecklichen Gorgo [oder: schrecklich durch die Gorgo]. Der Vater selbst verleiht den Griechen Mut und geeignete Kräfte, er selbst ermuntert die Götter zum Kampf mit den Trojanern. Ergreife die Flucht, mein Sohn, und mach der Mühe ein Ende; ich werde nirgends fern sein und werde dich sicher an der väterlichen Schwelle hinstellen.”
Sie hatte gesprochen und verbarg sich in der dichten Finsternis der Nacht. Es erscheinen schreckliche Gestalten und das große Wirken der Troja feindlichen Götter.
Quelle des lateinischen Texts:
Gottwein: https://gottwein.de/Lat/verg/aen02.php. Zugriffsdatum: 21.7.2025.
