Aeneis 2, 195-247 – Laocoons Tod
| Tálibus ínsidiís periúriqu(e) árte Sinónis |
| crédita rés, captíque dolís lacrimísque coáctis |
| quós neque Thýdidés nec Lárisséus Achílles, |
| nón anní domuére decém, non mílle carínae. |
| Híc aliúd maiús miserís multóque treméndum |
| Óbicitúr magis átqu(e) impróvida péctora túrbat. |
| Láocoón, ductús Neptúno sórte sacérdos, |
| sóllemnís taur(um) íngentém mactábat ad áras. |
| Écc(e) autém gemin(i) á Tenedó tranquílla per álta |
| (hórrescó referéns) imménsis órbibus ángues |
| íncumbúnt pelagó paritérqu(e) ad lítora téndunt; |
| péctora quór(um) intér fluctús arrécta iubaéque |
| sánguineaé superánt undás, pars cétera póntum |
| póne legít sinuátqu(e) imménsa volúmine térga. |
| Fít sonitús spumánte saló; iamqu(e) árva tenébant |
| árdentésqu(e) oculós suffécti sánguin(e) et ígni |
| síbila lámbebánt linguís vibrántibus óra. |
| Díffugimús vis(u) éxsangués. Ill(i) ágmine cérto |
| Láocoónta petúnt; et prímum párva duórum |
| córpora nátorúm serpéns ampléxus utérque |
| ímplicat ét miserós morsú depáscitur ártus; |
| póst ips(um) aúxilió subeúnt(em) ac téla feréntem |
| córripiúnt spirísque ligánt ingéntibus; ét iam |
| bís medi(um) ámplexí, bis cóllo squámea círcum |
| térga datí superánt capit(e) ét cervícibus áltis. |
| Ílle simúl manibús tendít divéllere nódos |
| pérfusús sanié vittás atróque venéno, |
| clámorés simul hórrendós ad sídera tóllit, |
| quális múgitús, fugít cum sáucius áram |
| taúrus et íncert(am) éxcussít cervíce secúrim. |
| Át geminí lapsú delúbr(a) ad súmma dracónes |
| éffugiúnt saevaéque petúnt Tritónidis árcem |
| súb pedibúsque deaé clipeíque sub órbe tegúntur. |
| Túm veró tremefácta novús per péctora cúnctis |
| ínsinuát pavor, ét scelus éxpendísse meréntem |
| Láocoónta ferúnt, sacrúm qui cúspide róbur |
| laéserit ét tergó scelerát(am) intórserit hástam. |
| Dúcend(um) ád sedés simulácr(um) orándaque dívae |
| númina cónclamánt. |
| Dívidimús murós et moénia pándimus úrbis. |
| Áccingúnt omnés operí pedibúsque rotárum |
| súbiciúnt lapsús et stúppea víncula cóllo |
| íntendúnt; scandít fatális máchina múros |
| fét(a) armís. Puerí circ(um) ínnuptaéque puéllae |
| sácra canúnt funémque manú contíngere gaúdent; |
| ílla subít mediaéque mináns inlábitur úrbi. |
| Ó patri(a), ó divúm domus Íli(um) et íncluta béllo |
| moénia Dárdanidúm! Quater íps(o) in límine pórtae |
| súbstitit átqu(e) uteró sonitúm quater árma dedére; |
| ínstamús tamen ímmemorés caecíque furóre |
| ét monstr(um) ínfelíx sacráta sístimus árce. |
| Túnc etiám fatís aperít Cassándra futúris |
| óra deí iussú non úmquam crédita Teúcris. |
Aufgrund solcher Hinterhältigkeiten und der Kunst des meineidigen Sinon wurde die Sache geglaubt, und durch List und erheuchelte Tränen wurden die Trojaner eingenommen, welche weder der Tydide [=Diomedes] noch der larisseische [aus Larissa] Achill noch zehn Jahre noch tausend Schiffe bezwangen.
Da widerfährt den Armen ein anderes, noch viel furchterregenderes Zeichen und bringt die ahnungslosen Herzen in Verwirrung. Laokoon, der durch das Los bestimmte Priester des Neptun, machte sich daran, einen riesigen Stier auf den festlichen Altären zu opfern. Aber siehe, zwei gleiche Schlangen legen sich von Tenedos über die ruhige See (ich schaudere, wenn ich es erzähle) in riesigen Windungen aufs Meer und streben Seite an Seite zur Küste; deren zwischen den Fluten aufgerichtete Vorderseite und blutrote Kämme überragen die Wellen, der übrige Teil läuft dahinter durch das Meer und krümmt in einer Windung die gewaltigen Rücken. Durch das schäumende Meer entsteht ein Geräusch; und schon waren sie an Land gekommen und mit funkelnden Augen, die rot wie Blut und Feuer waren, leckten sie die zischenden Mäuler mit zuckenden Zungen.
Schreckensbleich flohen wir vor der Erscheinung. Jene steuern zielstrebig Laokoon an; und nachdem jede der beiden Schlangen zuerst die kleinen Körper der zwei Söhne umschlungen hat, windet sie sich um sie und verschlingt die armen Glieder mit einem Biss; dann erfassen sie gemeinsam ihn selbst, der zu Hilfe eilt und Waffen trägt, und sie umwickeln ihn mit gewaltigen Windungen; und schon haben sie ihn zweimal um die Mitte umschlungen, indem sie ihre schuppigen Rücken zweimal um seinen Hals gelegt haben, überragen sie ihn mit dem Haupt und den hohen Hälsen. Jener bemüht sich, mit den Händen die Knoten zu lösen, ihm werden die Binden mit Speichel und schwarzem Gift übergossen, zugleich erhebt er grässliche Schreie zu den Sternen, wie Brüllen, wenn ein verwundeter Stier vom Altar flieht und das schlecht treffende Beil vom Nacken abgeschüttelt hat.
Aber beide Schlangen entfliehen gleitend zu den in der Höhe gelegenen Tempeln und suchen den Tempel der wilden Athene auf und verbergen sich unter den Füßen der Göttin und unter der Wölbung des Schildes. Dann aber durchdringt neue Furcht die verängstigten Herzen Aller, und sie sagen, dass der schuldige Laokoon für sein Verbrechen gebüßt hat, weil er das heilige Holz mit der Lanzenspitze beschädigt und die frevelhafte Lanze in den Rücken gestoßen hat. Sie rufen gemeinsam, dass die Statue zu dem Wohnsitz der Göttin geführt und die göttliche Macht angebetet werden solle.
Wir teilen die Mauern und öffnen die Befestigungen der Stadt. Alle machen sich an die Arbeit und legen Rollen unter die Füße und Hanfseile um den Hals; die unheilbringende Maschine besteigt waffenschwanger die Mauern. Ringsum singen Knaben und unvermählte Mädchen heilige Lieder und freuen sich, das Seil mit der Hand zu berühren; jene steigt hinauf und gleitet drohend mitten in die Stadt hinein.
O Heimat, o Haus der trojanischen Götter [oder: Troja, Haus der Götter] und durch Krieg berühmte Mauern der Trojaner! Viermal stockte sie gerade an der Schwelle des Tores und viermal gaben die Waffen aus dem Bauch ein Geräusch von sich; dennoch machen wir unachtsam und blind vor Wahnsinn weiter und stellen das Unheilstier auf der heiligen Burg auf. Dann öffnet auch Kassandra für eine Weissagung den Mund, dem auf Befehl des Gottes die Trojaner kein einziges Mal glaubten [wörtlich: nicht ein einziges Mal von den Trojanern geglaubt wurde].
