Metamorphosen 1, 291-312 – Die große Flut
| Iámque mar(e) ét tellús nullúm discrímen habébant: |
| Ómnia póntus eránt, deeránt quoque lítora pónto. |
| Óccupat híc collém, cumbá sedet álter adúnca |
| ét ducít remós illíc, ubi núper arárat. |
| Ílle suprá segetés aut mérsae cúlmina víllae |
| návigat, híc summá piscém depréndit in úlmo. |
| Fígitur ín viridí, si fórs tulit, áncora práto |
| aút subiécta terúnt curvaé vinéta carínae. |
| Ét modo quá gracilés gramén carpsére capéllae, |
| núnc ibi déformés ponúnt sua córpora phócae. |
| Mírantúr sub aquá lucós urbésque domósque |
| Néreїdés, silvásque tenént delphínes et áltis |
| íncursánt ramís agitátaque róbora púlsant. |
| Nát lupus ínter ovés, fulvós vehit únda leónes, |
| únda vehít tigrés, nec víres fúlminis ápro, |
| crúra nec áblató prosúnt velócia cérvo; |
| quaésitísque diú terrís, ubi sístere póssit, |
| ín mare lássatís volucrís vaga décidit ális. |
| Óbruerát tumulós imménsa licéntia pónti, |
| púlsabántque noví montána cacúmina flúctus. |
| Máxima párs undá rapitúr; quibus únda pepércit, |
| íllos lónga dománt inopí ieiúnia víctu. |
Und schon machten das Meer und das Land keinen Unterschied: Alles war Meer, dem Meer fehlten sogar die Küsten. Dieser bemächtigt sich eines Hügels, ein anderer sitzt in einem gebogenen Boot und rudert dort, wo er vor kurzem gepflügt hatte. Jener segelt über Felder oder Giebel eines versunkenen Landhauses, dieser fängt im Wipfel [wörtlich: oben auf] einer Ulme einen Fisch. Wie es der Zufall so gebracht hat, haftet der Anker auf einer grünen Wiese oder es streifen gekrümmte Schiffskiele darunterliegende Weingärten. Und wo eben noch schlanke Ziegen Gras rupften, dort legen nun unförmige Seehunde ihre Körper ab.
Die Nereiden bestaunen unter Wasser Haine, Städte und Häuser und Delphine bewohnen Wälder, stoßen gegen hohe Äste und (stoßen) hin und herbewegte Eichen. Der Wolf schwimmt unter Schafen, eine Woge reißt goldgelbe Löwen mit, eine Woge Tiger, weder nützen dem Wildschwein die Kräfte eines Blitzes noch dem weggetragenen Hirsch die schnellen Beine; nachdem er lange Land [wörtlich: Länder] gesucht hat, wo er sich niederlassen könnte, stürzt der umherirrende Vogel mit ermatteten Flügeln ins Meer.
Die ungeheuerliche Macht des Meeres hatte Hügel versenkt, und die neuen Fluten schlugen an die Gipfel der Berge. Der Großteil wird von der Woge dahingerafft; jene, welche die Woge verschonte, tötet [wörtlich: besiegt] eine lange Hungersnot [wörtlich: Hungersnöte] durch den Mangel an Nahrung.
